PROJEKTE

  1. -->QUEERFEM. KALENDER 2015
  2. -->QUEERFEM. KALENDER 2014
  3. -->QUEERFEM. KALENDER 2012
  4. -->QUEERFEM. KALENDER 2011
  5. -->QUEERFEM. KALENDER 2010

femme reading. oder: das Wörterbuch weiterreichen

On ne nait pas femme, on le devient. Simone de Beauvoir
Les lesbiennes ne sont pas des femmes. Monique Wittig
Ich bin femme, keine Lesbe! Unbekannt

Du hast mich gefragt, Tony, was all das zu bedeuten hat. Du hast mich ein Mädchen geheißen und mir ist nicht entgangen, was du dir nun nachträglich ungeschehen wünschen magst. Mädchen sagen wir, wenn wir über die unschuldige, infantile Dummheit einer um ihr Aussehen bemühten Frau urteilen. Ich will dir antworten, dich aber nicht dort abholen wo du stündest. So wie mein Verhalten dir rätselhaft, meinen Kurven und Blicken kaum anzumerken, was Illusion und was echt ist, so wie ich Körper und Verpackung bin, so wie hier und dort etwas überstehen mag, so sei mein Antworten philosophisches Fragment im Korsett gerüschter Lyrik. Ich habe es gesehen; du wolltest sagen, das könne keine Lesbe sein. Ich aber antworte dir: Ich bin femme, keine Lesbe!:

femme ist Tänzeln vor dem Schlund des Monsters der Authentizität. Die Femme macht aus der Not ihres bipolaren Verhältnisses zur ungebrochenen Weiblichkeit eine Tugend. Sie erfährt schmerzhaft, dass es ihr nicht möglich ward, mit der Aneignung queerer Maskulinität eine eindeutige, lesbare Grenze zur Matrix der Heteronormativität zu ziehen und sich auf die andere Seite zu stellen. Sie muss die Seiltänzerin dieser Grenze sein. Sie ist mindestens latent trans*; sie liebt die Inszenierungen der Frauen, ihre Selbstauthentifizierungen, ihren Schein der Ungebrochenheit, die Unschuld des Glaubens an die Identität von Begriff und Sache, Frau und der damit referierte Körper der Essenz. Doch kommt sie ihr zu nah, wendet sie sich in Ekel vor der Heuchelei, dem sozialen Masochismus, dem weiblichen Selbsthass. Und muss sich wieder anderswo vergewissern, mit der Markierung von Differenz stützen, eh sie von neuem sich entzückt. Sie oszilliert nicht bloß, sie ist das Oszillieren als Vergeschlechtlichtes. Immer aufs Neue wundert sie sich, warum sie sich immer aufs Neue verliebt. Sie kopiert die Femininität, um sie in eins anzuerkennen als auch zu verhöhnen. Ihre rosa Kniestrümpfe sind Ironie und Ernst, je nach Ausschlag ihrer Launigkeiten. Es ist ihr ein Ernstes, diejenigen in Ironie zu kopieren, die Femininität ihrerseits nicht in Ironie kopieren als auch die Attraktivität anzunehmen, die dorther auf sie abfärbt.

Die femme sedimentiert die Geschichte ihrer Körper- und Geschlechtlichkeit nach und nach als Lesbare in ihre Performances. Unabhängig des bei der Geburt zwangszugeteilten Geschlechtes im schlechten Sinne ist sie vermutlich Frau, dann Lesbe geworden, eh sie ihr trans*geschlechtliches Begehren ex negativo entdecken musste, weil sich keiner der Orte der Topographie von Geschlecht und Begehren zuvor wirklich deckungsgleich angefühlt hat mit ihrem Innern. Noch ahnt sie nicht, dass das Zusammenfallen des richtigen Ortes Außen mit dem richtigen Innern zur Aufhebung von Beidem als Falsches wird führen müssen, als ihre Suche nach sich selbst jetzt noch sich am Stern der Authentizität orientiert. Sie wird finden, dass der Weg das Ziel ablöse.

Die Femme ist eine Frau*, die so tut, als wäre sie eine Frau. Die Femme ist eine Lesbe*, die so tut, als wäre sie eine Lesbe. Femme ist Mimikry, sie ist gleichzeitig genauso wie als auch nur fast so wie. Das macht sie zur Frau als auch nicht zur Frau zugleich, zur Lesbe als auch zur Nicht-Lesbe. Sie macht sich keine Illusionen, mit der Geschlechtermacht sei per Austrittserklärung zu brechen. Sie begibt sich ins Zentrum und arbeitet dort an Irritation und Solidarität. Sie kommt nicht umhin, Frau zu sein, stetig zu werden; der ständige patriarchale Terror gegen sie schreibt es in sie hinein, es gibt kein Entrinnen. Sie muss sich solidarisieren, wenn sie nicht ihre eigenen Ohnmachten verleugnen will. Sie richtet sich in ihrem Pronomen ein. Ihr Passing verschafft ihr den Zutritt ihr Werk dort zu vollbringen, von wo sich alle anderen Queers schon abwandten. Die Distanz, die das Mimikry zu ihr selbst schafft, ist der Schutzraum, der panic room, in dem sie die Gewalt erträgt und psychisch von sich fern hält, statt sie als Tatsache ihrer Körperlichkeit in sich eingedrungen insgeheim anzuerkennen. Sie wendet die Minorisierung zu Stärke und Liebe für sich selbst wenn sie kämpfen kann; dann läuft sie über vor Liebe. Sie spürt eine tiefe Anerkennung für alle Wege, die Menschen unter dem Druck der herrschenden Gewalt einschlagen, solange sie sich nicht selbst auf die Seite der Gewalt schlagen. Sie lebt unter dem Eindruck der eigenen fundamentalen Verletzlichkeit als auch derjenigen der Anderen und schließt daraus die Faktizität der Liebenswürdigkeit.

Sie trifft auf Unverständnis. Die Frauen und Männer nehmen ihr die Irritation übel, die sie verursacht. Einem heterosexuellen Mann ist sie furchteinflößend. Der Hetera ist sie eine gefährliche Freundin. Unter Queers ist sie mit dem Vorwurf der Anpassung konfrontiert. Schon immer lag auf der femininen Lesbe* der Verdacht, dass sie sich den Weg zurück in die Heterosexualität offenhält, in den Verrat. Nicht immer unbegründet. Die Femme begeht Verrat selbstbewusst als einen Notwendigen. Sie begehrt manchmal Männer wie sie es mit der Maskulinität der Butches tut, sie ist die Intimvertraute des trans*-Mannes an ihrer Seite, sie supportet und performt seine Geschlechtsidentität. Sie reflektiert die Unterordnung der Frau im Patriarchat in die Unterordnung der Femininität unter Queers, sie zerstört die heile Welt der Subkultur und reinszeniert die Notwendigkeit des Kampfes. Sie ist dekonstruierende Differenz-Fem(me)-inistin. Gleichzeitig kann sie sich nicht genau entscheiden, wann ihre Hingezogenheit zur femininen Hetera Begehren, Neid oder Anerkennung ist. Manchmal begehrt sie andere femmes, manchmal exponiert sie ihre Reize, weil es sie anmacht, die sexuelle Identität einer männerliebenden Frau durcheinander zu wirbeln. Sie liebt jenen entsetzten Blick als diese spürt, was zu spüren ihr verboten war.

Die femme hat Erfahrung mit Gewaltsexualität. Sie wendet ihre Ohnmacht in Rezeptivität, in kontrollierte Passivität, in den vorsichtigen Kontrollverlust unter ihrer Kontrolle. Sie eignet sich ihre Attraktivität und Koketterie wieder an, die grausam gestohlen, ausgebeutet und entstellt war. Die Femme inszeniert sich als unwiderstehliches Sahnetörtchen weil sie gefressen werden will. Lustvoll betont sie die Differenz zu ihrem Gegenüber, sie inszeniert das heterosexuelle Motiv und reißt so die Kulisse ein. Sie lässt sich ficken oder kuschelt sich in die Arme einer Fremden und hofft dabei, endlich richtig gelesen und wortlos so behandelt zu werden, wie sie es sich in ihren keuschen, kühnen, feuchten oder perversen Phantasien herbeiträumt.

Kannst du das, Tony?