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Kinder, Kinder wieso wollt ihr alle Kleinfamilien?

Ich möchte eine gute Freundin sein. Ich leide mit bei gebrochenen Herzen oder Armen, gebe gutgemeinte Ratschläge bei Vorstellungsgesprächen und schicke im Notfall auch Care-Pakete zum schnelleren Kurieren von Leib und Seelenschmerzen. Und ich freue mich mit, wenn meine Freund*innen bekommen, was sie wollen. Ehrlich. Du ziehst nach Barcelona? Toll, ich komm dich besuchen! Du heiratest? Super, ich bring die Torte mit! Du bist schwanger? Und hier hängt die Platte seit ein paar Jahren in der Rille. Du bist schwanger? Du bist auch schwanger? Oh, du bist....? Naja: Herzlichen Glückwunsch. Toll für dich.

Für mich leider nicht. Jetzt also doch mit Partner*in und Kind in der Dreizimmerwohnung kuschelig im Kleinfamilienglück schwelgen. In den Speckgürtel ziehen. Auf Parties mit anderen Eltern über Kinderkleidung, Kita-Plätze und die neuen Wachstumsschübe der kleinen Hasen reden. So sehr ich meine Freund*innen mag Eltern und ihre bizarren Wunschentwicklungen bereiten mir Unbehagen. Früher wollten die meisten von ihnen auch keine Kinder. Und wenn dann in einer großen WG. Mit vielen Verantwortlichen. Bloß keinen Kleinfamilienspießerscheiß. Nur geworden ist daraus nichts. Jetzt leben sie wie ihre Eltern. Und die Kinder wachsen auch fast genauso auf, wie sie selbst aufgewachsen sind. Aus Sachzwang.

Ich hab immer noch keinen drängenden Kinderwunsch. Dabei tickt auch meine Uhr. So sagt man das ja, wenn der Druck zur Vermehrung von Außen zu- und die vorgelebten Alternativen abnehmen. Und die kleine Stimme fragt immer wieder: Hast du dir das auch gut überlegt? Die ganzen letzten Jahr hat sie mich gequält. Aber mal andersrum: Was verpasse ich denn, wenn ich keine Kinder kriege?

Gute Frage: Ich werde wohl für niemanden das absolute Lebenszentrum sein. Und natürlich verpasse ich die mütterliche Erfüllung, was auch immer das ist. Vielleicht werde ich alleine alt, in einer kleinen Wohnung, wo mich niemand besucht. Oder ich ich werde unflexibel und verbittert, ärgere mich über die Jugend von heute und stecke Kindern den Regenschirm in die Speichen ihrer Fahrräder, wenn sie mich auf dem Fußgängerweg überholen. Sicherlich werde ich ohne Kinder alleine sterben. Und mich vorher immer wieder fragen, welchen Sinn das Leben hat.

Was also tun? Genervt auf den Parties meiner Freund*innen, der Eltern, sitzen, während sie sich über Kita-Plätze, die richtige Erziehung, Kinderkleidung und schreihalsfreundliche Cafes unterhalten. Mir wünschen, dass wenigstens ab und zu jemand mal ein anderes Zukunftsmodell hat - ins Ausland geht in eine Kommune zieht oder mit Kindern in einer WG wohnt. Oder wenigstens etwas interessantes erzählt: von einem tollen neuen Buch, einer coolen Band oder der Weltrevolution.

Das habe ich alles durch. Jetzt träume ich auf Elternparties lieber vor mich hin: Ob ich in eine große WG mit oder ohne Kinder ziehen sollte? Wann ist mein Patenkind endlich alt genug, um ihm Schlagzeug spielen und Klettern beizubringen? Wo mache ich das nächste Auslandsjahr? Kann ich noch Rockstar werden? Will ich lieber fröhlich prekär als Künstlerin oder solide versorgt mit nine-to-five Job die nächsten Jahre verbringen? Gehe ich zur nächsten Party als TomBoy oder als Diva? Und vor allem genieße ich es, dass ich mich jeden Tag aufs Neue fragen kann, wo ich mein Leben hinführe. Dabei betrinke ich mich so richtig und freue mich auf das Ausschlafen am nächsten Morgen.