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Zusammenleben a la Kommune

Ich habe Lust mit Menschen mein Leben zu teilen, die in Konflikten oder schlechten Zeiten nicht einfach verschwinden, mit denen ich Verbindlichkeiten eingehe und mich gemeinsam durchs Leben schlage. Meine Freunde wechseln, meine Kreise verändern sich, meine Liebesbeziehungen will ich nicht mit zu vielen Ansprüchen belasten. Kinder gerne, aber nicht die eigenen. Solidarität über die individualkapitalistischen Grenzen hinaus. Deswegen lebe ich in einer Kommune die Amöbe. Aber was heißt das?

Wir kollektivieren Arbeit, Privateigentum und andere Ressourcen. Kollektivieren meint dabei nicht, dass wir etwas von dem, was wir Eigen nennen willkürlich und machtstabilisierend da die Entscheidungsbefugnis bei der privilegierten Person verbleibt an Andere abgeben, sondern dass wir gemeinsam über die kollektiven Ressourcen im Konsens entscheiden. Konkret sieht das so aus, dass beim monatlichen Finanzplenum bedürfnisorientiert über Ausgaben, Einnahmen, Ansparungen und anderes gesprochen, verhandelt und entschieden wird. Bedürfnisorientiert heißt, dass wir einander nicht einfach vorschreiben wollen, was wer (nicht) konsumieren darf, wie viel jede_r zu arbeiten hat oder wo gespart werden soll. Vielmehr versuchen wir auf unsere hinter den Interessen liegenden Bedürfnisse zu schauen, tauschen uns über diese aus, um dadurch über neue und unerwartete Louml;sungen zu stolpern, die konsensfähig sind. Um ängsten und Sorgen bezüglich der Finanzen vorzubeugen, legen wir Wert auf eine hohe Transparenz und Planbarkeit ohne gleichzeitige Kontrolle.

Da wir nicht nur finanzielle, sondern auch andere Ressourcen wie zum Beispiel Arbeit, Wissen und Vitamin B im mouml;glichst großen Ausmaß kollektivieren wollen, haben wir auch ein wouml;chentliches Arbeitsplenum. Hier erzählen wir uns gegenseitig von unseren Arbeitsaufträgen und gefühltem Belastungslevel, um dann zu schauen wie wir anstehende Arbeitsaufgaben gut (um)verteilen oder uns anderweitig unterstützen kouml;nnen. Dabei ist es uns wichtig keine Hierarchisierung zwischen Polit-, Sorge-, Pflege-, Lohn-, Erwerbs-, Repro- und Kommunearbeit zu machen.

Kommune heißt für uns auch, dass wir einen herrschaftskritischen Raum schaffen, in dem Sexismus, Rassismus, Heteronormativität, Klassismus und andere Herrschaftsverhältnisse reflektiert und weniger reproduziert werden. Aber wir wollen auch keine (nicht-strukturellen) Machtverhältnisse, wie sie durch Wissenshierarchien oder festgefahrene Rollen entstehen, zwischen uns zu groß und fest werden lassen. Deshalb verwenden wir verschiedene Kommunikationstechniken und -tools und reflektieren alle drei Monate in der Supervision unsere Gruppenprozesse und andere Themen. Bei einem Konflikt gibt es außerdem die Mouml;glichkeit eine Mediation auszurufen, an der alle Involvierten verbindlich teilnehmen sollen. Wir lernen also ständig mit- und voneinander Krisen und Konflikte zu überstehen und dadurch besser auf einander Acht zu geben. Wenn es doch mal zwischen Einzelnen nicht weitergehen sollte, hoffen wir in der Zukunft genügend Kommunautis zu sein um Bezugsgruppen zu bilden, so dass Einzelne sich im Alltag aus dem Weg gehen kouml;nnen.

Wenn ein_e Kommunaut_in eine Reise buchen, seinen_ihren Job wechseln oder ein Kind kriegen will, kouml;nnen alle mitentscheiden. Klingt gruselig? Verlust der Unabhängigkeit? Aber wie unabhängig bist du, wenn du alles mit deiner_m Partner_in absprechen musst, dich individualisiert als Lohnabhängige_r auf dem Arbeitsmarkt verkaufst oder doch nochmal deine Eltern um Geld bitten musst? Ist es da nicht besser, die Personen und Verhältnisse, von denen du abhängig bist, selber zu wählen und mitzugestalten im Rahmen eines herrschaftskritischen, bedürfnisorientierten und konfliktoffenen Settings?

Ach, du bist gar nicht abhängig, da du einen gut bezahlten Job hast, von allen geliebt wirst und dich frei fühlst? Vielleicht hast du ja trotzdem Lust deine Privilegien mit anderen zu teilen? Hierfür ist Kommune ein ausgezeichneter Raum, denn wo sonst teilen wir unsere Privilegien zu solch einem Ausmaß? Zwar reproduzieren auch wir Herrschaftsverhältnisse, wie zum Beispiel Klassismus als ideologisch motivierte Benachteiligung von Personen einer gewissen sozioouml;konomischen Positionierung (Arbeiterklasse), zum Beispiel dadurch, dass ein Masterabschluss nicht kollektivierbar ist oder einige Kommunaut_innen im Falle eines Ausstiegs viel besser gestellt sind und somit auch in Konflikten mehr Sicherheit verspüren und stärker sind, dennoch werden in Kommunen im Verhältnis zum Normalzustand viele Privilegien geteilt.

Das Ganze klingt nach viel Arbeit? Ja, das ist es wohl. Aber 40 Stundenwochen haben die meisten von uns trotzdem nicht.