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Von wegen wider die Natur

Schwule Stockenten-Erpel im Stadtweiher, monogamlesbische Albatrossweibchen, und ähnliche Kuriosa des Tierreichs sind vielen bekannt. Ebenfalls verbreitet scheint die Ansicht zu sein, dass es sich hier um Abweichlinge in Kontrast zum Normalen handelt. Was sagen eigentlich momentan die (vermeintlichen) Fakten aus den Naturwissenschaften dazu?

Doch erst noch einen Schritt zurück. Wer oder Was verpartnert sich denn da überhaupt miteinander und/oder hat Sex? Warum überhaupt Geschlechter, warum Sex?

Die Einzeller, welche die Ursuppe belebten, waren erstmal geschlechtslos und teilten ihren Organismus in zwei Teile um sich fortzupflanzen. Vor ungefähr 600 Millionen Jahren entwickelte sich dann die sexuelle Vermehrung. Bar jeder Romantik versteht die Biologie unter Sex, dass mindestens zwei Individuen der gleichen Art aber unterschiedlichen Geschlechts ihre Erbinformation neu kombinieren. Das führt zu mehr Vielfalt und damit auch zu einer größeren Fähigkeit in einer veränderlichen Umwelt zu bestehen. Besagte Einzeller verschmelzen beim Sex dann gleich mal komplett, schicken kleine Gen-Päckchen von Zelle zu Zelle, bilden Knospen und, und uns. Oft können sie Beides vermehren sich also je nach Situation asexuell und sexuell (wie z.B. Hefepilze).

Im Laufe der Evolution entstanden nach und nach komplexere Lebewesen. Diese werden (populär-)wissenschaftlich je nach Größe, Menge und Beweglichkeit der Fortpflanzungszellen meist stumpf in Männchen (viele, kleine, schnelle Zellen) und Weibchen (wenige, große, unbewegliche Zellen) unterteilt. Die sind dann die beiden Geschlechter, oft auch Paarungstypen genannt. Wie so häufig lässt sich das Leben aber nicht immer in zwei exakt begrenzte und einander konträre Lager teilen. Im Folgenden ein paar Beispiele für die bunte Vielfalt: In den Trockengebieten Amerikas lebt die Ameise der Gattung Pygonomyrmex. Diese bringen je zwei Typen von Männchen und Weibchen hervor. Damit die Kolonie langfristig funktioniert, also alle Typen von Ameisen (wie z.B. Arbeiter) vorhanden sind, müssen immer Individuen jeweils beider Männchen-Fortpflanzungstypen eine Königin befruchten. Doch was sind vier verschiedene Geschlechter!

Ein Pilz namens Gemeiner Spaltblättling (Schizophyllum commune) hat gleich mehr als 28.000 unterschiedliche Paarungstypen hervorgebracht. Zur Fortpflanzung müssen allerdings, wie bei vielen Lebewesen, nur zwei dieser unterschiedlichen Paarungstypen aufeinander treffen.

Eine weitere Möglichkeit ist der Hermaphroditismus. Hier sind alle potentielle Paarungspartner_Innen gleichzeitig potentielle Träger_Innen des Nachwuchses. Das macht insbesondere Sinn, wenn es wenige Individuen gibt, die weit verteilt leben und/oder schlecht miteinander kommunizieren können. Bei Pflanzen ist ein Individuum recht häufig gleichzeitig Männchen und Weibchen, bei Tieren finden sich Beispiele unter den Schwämmen, Würmern und Schnecken.

Da bei simultan zwittrigen Lebewesen gleichzeitig männliche und weibliche Geschlechtsorgane und Fortpflanzungszellen gebildet werden ist der Energieaufwand recht hoch. Das könnte ein (eher spekulativer) Grund für die geringe Zahl der hermaphroditischen Tiere sein. Der Clownfisch spart diese Energie, da dieser sich erst vom Weibchen zum Männchen wandelt, wenn der männliche Fisch nicht mehr Teil der Gruppe ist.

Etwas stressfreier: Manche Fisch-, Insekten- und Echsenarten brauchen gar keine Partner sondern vermehren sich ganz ohne solche aus unbefruchteten Eizellen (Parthenogenese).

Auch die Rolle der Eltern bei Paarung, Brut und Aufzucht kann sehr verschieden sein. Ein besonders schönes Beispiel findet sich bei den Seepferdchen. Hier gibt das Weibchen seine unbefruchteten Eier nach einem Tanz durchs Seegras an das Männchen weiter. Dieses hat eine spezielle Bruttasche, in welcher die Befruchtung und die Entwicklung der Eier stattfinden. Die Geburt geschieht dann nach wenigen Tagen des Brütens wieder im Schutz der Vegetation.

Alleinerziehende Mütter finden sich im Malawi See in Afrika. Dort brüten die Weibchen ohne Hilfe der Väter die Jungen in ihrem Maul aus. Beim Mornellregenpfeifer, einem Vogel, der z.B. in der Tundra Skandinaviens brütet, legt das Weibchen dem Männchen zwar ein Gelege in sein Nest, kümmert sich anschließend aber höchstens sporadisch um dieses. Meist brütet der Vater alleine und betreut die Jungvögel auch nach dem Schlüpfen.

Zum Abschluss noch: Homosexualität ist mittlerweile bei mindestens 1500 unterschiedlichen Tierarten beobachtet worden: ob nun bei den bisexuellen, matriarchal organisierten Bonobos Affen, bei Delfinen, Giraffen oder Königspinguinen wo jedes zehnte Brutpaar homosexuell lebt. Gleichgeschlechtliche Paarung ist also weder ein Randphänomen noch widernatürlich

Also bleibt noch das Staunen und die Freude über die Vielfalt um und in uns jenseits von Schubladen und Bewertungen.