PROJEKTE

  1. -->QUEERFEM. KALENDER 2015
  2. -->QUEERFEM. KALENDER 2014
  3. -->QUEERFEM. KALENDER 2012
  4. -->QUEERFEM. KALENDER 2011
  5. -->QUEERFEM. KALENDER 2010

Don't Tell Mom - Tell Pope oder Subversive Affirmation als Methode

Im Mai 2009 fand in Marburg der 6. internationale Kongress für Psychotherapie und Seelsorge statt, zu dem unter anderem Redner eingeladen wurden, die mit evangelikalem Hintergrund beweisen wollten, dass Homosexualität heilbar ist und diese Heilung erstrebenswert für die Erkrankten sei. Von Depressionen bis AIDS sollten so viele Nebenerscheinungen der 'Krankheit' unter Kontrolle gebracht werden. Dass viele dieser Probleme - ob sie nun wirklich statistisch häufiger auftreten sei erstmal dahingestellt - daraus resultieren, dass es zu wenig Beratungsangebote zu Themen wie Coming-Out gibt und der gesellschaftliche Druck sowie das negative Image der Bewegung ihr Übriges tun, zogen die Redner nicht in Erwägung. Parallel dazu übernahm in Bonn der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) den AStA (Allgemeinen Studierendenauschuss) und schaffte als erste Amtshandlung den Autonomiestatus des LesBiSchwulen Referates ab und 'integrierte' dessen Mitarbeiter in das Gleichstellungsreferat. Damit ging eine schlechtere Sichtbarkeit LesBiSchwuler (und auch Trans-) Belange an der Universität einher und gerade durch die verstärkte Kontrollfunktion des Vorsitzes wurde das Klima weniger und weniger vertrauensvoll. Die Beratungsstunde zum Thema Coming-Out namens 'Tell Mom' verschwand von der Homepage des AStA und einige Newsletter-Abonennten baten um Streichung aus Angst ungwollt geoutet zu werden.

An wen aber sollen sich StudentInnen mit Fragen bezüglich ihrer sexuellen Identität wenden, wenn keine unabhängige und sichere Beratung möglich ist - auch das Schwulen und Lesbenzentrum in Bonn sucht weiter vergeblich nach neuen Räumlichkeiten - und Rednern wie denen auf dem Marburger Kongress so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird? Wir, queer-feministische AktivistInnen aus Bonn, mussten also augenscheinlich klein beigeben und inszenierten beim Tag der offenen Tür an der Universität Bonn, dem Dies Acaemicus, eine Homosexuellenheilung. Cast: Der Papst (kein Evangelikaler, aber die katholiken sind was das Thema angeht auch nicht progressiver), der Marktschreier ('auch du kannst geheilt werden, hab keine Angst, Jesus wird Dir vergeben'), zu Heilende, bereits Geheilte. Bis auf die beiden festen Rollen rekrutierten wir die Heilungsbedürftigen bei sozialen Plattformen im Internet wie Facebook, Myspace, Lesarion und GayRomeo, sowie spontan im Innenhof der Universität, wo unser Spektakel über mehrere Stunden stattfand. Ergebnis: Verwirrung bei Zuschauern, spontane Solidaritätsbekundungen an das ehemalige Referat, griesgrämige Gesichter beim RCDS, rosa Kochlöffel und blaue Hämmer für unsere neugewonnen Heten und ganz viel Spaß!

Subversive Affirmation also das überspitzte Formulieren der Meinung der Gegenseite eignet sich besonders dazu deren Forderungen der Lächerlichkeit preiszugeben ohne sich selber verwundbar zu machen. Idee ist es vor allem Unbeteiligte zu verwirren, die sich fragen müssen ob so etwas irgendjemand ernst meinen kann - und das tut die Gegenseite ja. Diese indirekte Kritik ist oft wirksam, weil sie erst auf den zweiten Blick auffällt.