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Das Kreuz mit den radikalen Christ_innen

Abtreibung wird wieder zum Thema. Auf gesetzlichem Weg wird die Möglichkeit der Entscheidung über ihr eigenes Leben und den eignen Körper für Frauen* eingeschränkt – auf der Straße nervten 2008 selbsternannte Lebensschützer in Berlin, München, Salzburg und Wien mit "1000 Kreuze Märschen für das Leben". Gegen diese Demos regte sich Protest. Radikale Christ_innen und Abtreibung waren bisher sowohl bei der Antifa als auch in der queer-feministischen Szene eher vernachlässigte Themen, das scheint sich zu ändern. Daher lohnt es sich, an den Fragen: Was wollen die eigentlich? und Was können wir dem entgegensetzen? dranzubleiben.

What the fuck is §218?

Abtreibung ist in allen Ländern außer Kanada verboten, und wird nur in Ausnahmefällen nicht strafrechtlich verfolgt. In der BRD ist bis zur 12. Woche Abtreibung nur nach einer Zwangsberatung straffrei, jedoch rechtswidrig. Danach kann noch über die medizinische (Gesundheit der Frau) und die kriminologische (Vergewaltigung) Indikation abgetrieben werden. Mit der Verschärfung des Schwangerschaftkonfliktgesetzes wurden 2009 die Bedingungen für eine medizinische Abtreibung erschwert – Zwangsberatung, Zwangswartezeit, angedrohte Geldbuße für ärzt_innen.

"Lebensschützer" – zersplittert und unübersichtlich

Die "Lebensschützer" in der BRD bestehen aus vielen kleinen Organisationen, die sowohl ideologisch als auch religiös einem breiten Spektrum angehören – vom CDL (Christdemokraten für das Leben), einer Unterorganisation in der CDU/CSU bis zur radikalen Rechten und von papsttreuen Katholiken bis zu evangelikalen Gruppen. Viele von ihnen haben sich im BvL (Bundesverband für Lebensrecht) zusammengeschlossen. Ihre Hauptaktivitäten bestehen in "Beratungen" via Internet oder in Beratungsstellen, in Lobbyarbeit zur Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218, gegen Sterbehilfe und Embryonenforschung, und eben in den "Trauermärschen für das Leben". Offensive "Beratung" von Frauen, die abtreiben wollen ("Gehsteigberatung"), sind in der BRD bisher nur aus München bekannt. Dort wurde nur 100 Meter von einer bekannten Arztpraxis ein "Lebenszentrum" eingerichtet, in das abtreibungswillige Frauen gelotst werden sollen. Ein juristisches Vorgehen gegen diesen religiösen Eifer blieb erfolglos.
Gemeinsam ist den Abtreibungsgegner_innen vor allem ihr reaktionäres Frauenbild: die Frau als Hausfrau und Mutter (möglichst vieler Kinder), die hierin ihr biologisches Schicksal erfüllt und ihre persönliche Erfüllung findet. Die selbsternannten Lebensschützer zeichnen sich dabei durch ein christlich-konservatives Weltbild aus, ihre Vorstellung von Gesellschaft sieht die heterosexuelle, patriarchale Kleinfamilie im Zentrum. Homosexualität, Feminismus und emanzipatorische Bewegungen sind den Lebensschützern ein Graus.

Gegenmobilisierung in Berlin

Antisexistischen, antifaschistischen, queeren und feministischen Menschen und Gruppen ist es 2008 in Berlin zum ersten Mal gelungen, ein Bündnis zur Mobilisierung gegen den "1000 Kreuze Marsch" auf die Beine zu stellen. Sie wollten den reaktionären schwarz gekleideten Lebensfeinden ein buntes, fröhliches Treiben entgegensetzen. Aber die Berliner Polizei schritt unverhältnismäßig hart ein. Die Kundgebung des von feministischen und antifaschistischen Gruppen getragenen Bündnisses wandte sich bunt und laut gegen die Zumutung, sich die verstaubt- verschwurbelten Gesänge der Christ_innen anhören zu sollen. Mit Transpis, lauter Musik, einer Sambagruppe, Konfetti, Luftballons, Lebensfreude und diversen Redebeiträgen wandten sie sich gegen christlichen Fundamentalismus, den §218 und den heterosexistischen Normalzustand. Weitere Menschen bewegten sich zwischen den Christ_innen, um auch in deren Leben ein wenig Farbe und Intellekt zu bringen. Nachdem die Kundgebung des Bündnisses aufgelöst wurde, machten sich Kleingruppen auf den Weg, um die „Lebensschützer“ weiterhin auf ihrem schweren Gang zu begleiten. Trommeln, Fahrradklingeln, Konfetti, laute Sprüche, Kondome und Brauseherzen kamen dabei zum Einsatz. Die Hedwigskathedrale, in der ein ökumenischer Gottesdienst den Abschluss der Veranstaltung bilden sollte, wurde mit Kondomen und Flyern verschönert. Doch auch in der Kirche konnten die Christ_innen nicht ganz ungestört verweilen. Zwei Blasfeministinnen gelang es, sich unter die Irrgläubigen zu mischen. Sie rissen sich die T-Shirts vom Leib, küssten sich und bekundeten ihre Ablehnung christlichen Unfugs, bis sie von Polizist_innen abgeführt wurden.

Folgen der Gegenmobilisierung

Während in den Vorjahren weder "Lebensschützer" noch die begrenzten Gegenaktionen mediale Aufmerksamkeit erregen konnten, wurde 2008 in den bürgerlichen Medien durchaus darüber berichtet. Auch das rechte Wochenblatt Junge Freiheit schrieb lobend und ganzseitig über den Berliner "Trauermarsch". Von den Veranstalter_innen der Gegenkundgebung war im Vorfeld diskutiert worden, ob eine Kundgebung in der Konsequenz den Positionen der "Lebensschützer" vermehrt und ungewollt Aufmerksamkeit schenken würde. Trotzdem entschied man sich für den Protest, nicht zuletzt um das Thema Abtreibung wieder auf die Agenda linksradikaler Politik zu setzen. Insgesamt ist das Konzept von Kundgebung und dezentralen Aktionen gut aufgegangen. Ein breites Bündnis von antifaschistischen und feministischen Gruppen hat eine vielfältige Kritik an christlichem Fundamentalismus, Heterosexismus, Patriarchat und kapitalistischem System zum Ausdruck gebracht.

Kein Gott – Kein Staat – Kein Patriarchat!