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Sex Positive, PorNo und Queer Utopia

von: Hello Shitty

Sex positive bedeutet eine offensive, aufgeschlossene Haltung gegenüber Sexualität und seinen Spielarten zu haben. Sex als Spiel zu begreifen, als Rollen, die von allen Menschen in verschiedener Hinsicht wahrgenommen werden können, und nicht nur diejenigen auszuführen, in die wir vom Malestream manövriert werden. Es bedeutet, als Frauen wahrgenommene Personen von Schuldgefühlen und Scham bezüglich ihrer Sexualität befreien zu wollen, auch von Scham bezüglich eventueller masochistischer Phantasien. Diskurs erzeugende Instanzen wie z.B. die Pornoindustrie nicht verbieten zu wollen, sondern versuchen zu unterwandern. Sexarbeiter_innen zu unterstützen statt zu verdammen. Sex Positivists möchten Frauen aus ihrer Opferrolle lösen – ein naives und gefährliches Unterfangen, sagen PorNO Feminist_innen, denn so gerne frau es hätte, nicht mehr Opfer zu sein, wird sie immer noch dazu gezwungen. Das zu ignorieren, unterstützt den Backlash.

Feminist_innen waren historisch tendenziell eher für die Erweiterung von sexuellen Freiheiten – die PorNO Bewegung, die in den 70er/80er Jahren entstand, stellt insofern, entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass frau ja natürlich gegen Porno sein muss, wenn sie Feministin ist, nicht den Mainstream feministischen Gedankenguts dar, obwohl sie diesen Anspruch hatte und ihn auch hegemoniell vertrat. Die PorNO Bewegung wird oft u.a. wegen ihrer Tendenz zu Essentialismen oder der Konstruktion des neuen "bad girls", der phallischen Kollaborateurin, die dann doch Lust bei Pornos empfindet, stark kritisiert. Ich finde es aber wichtig, den Kontext zu sehen, in der diese Bewegung entstand. Der PorNO Bewegung verdanken wir, dass Macht– und Gewaltverhältnisse in Pornographie und Sexualität überhaupt erst sichtbar geworden sind, indem sie Sexualität aus der Sphäre des Privaten holte und in einen gesamtgesellschaftlichen, politischen Kontext stellte. Sie drang in ein vollständig männlich besetztes Feld der Produktion und Konsumption von sexualisierten Bildern ein, fing an diese zu thematisieren und zu problematisieren. Sie öffnete also die Kulisse auf der auch eine eventuelle Eroberung stattfinden kann.

Kaum ein Thema in der innerfeministischen Debatte war und ist polarisierender als das der Pornografie. In den USA lief die Debatte in den 80ern unter dem Namen "The Feminist Sex Wars". Die Bezeichnung "Krieg" ist nicht unbedingt unangebracht, gab es doch noch nicht einmal einen Konsens, über was eigentlich gestritten wurde: Für PorNO ist Pornografie erst dann Pornografie, wenn in ihr Frauen erniedrigt werden, alles andere ist Erotik. Diese Aufteilung in Porno und Erotik ist problematisch, da sie von einer guten, reinen, weiblichen Sexualität ausgeht, die nicht erniedrigt, versus einer bösen, phallischen, machtlustigen Sexualität, die vom Mann ausgeht, und zwangsläufig von patriarchalischer Herrschaft verseucht ist. Weiterhin lässt sich die Ablehnung des Begriffs Pornografie als eine neutrale Bezeichnung für sexuelle Abbildungen auch durchaus als eine konservativ–bürgerliche Angst vor der Schmuddelecke verstehen. Im Sinne einer bewussten feministischen Begriffsaneignung finde ich diesen Abwehrreflex aber eher kontraproduktiv.

Die Sex Positiv Feminists kritisierten an der PorNO Bewegung vor allem, dass diese die Schuld– und Schamgefühle von Frauen gegenüber ihrer Sexualität und ihrer Auslebung noch verstärkten, indem sie postulierten, es gäbe eine "reine", nicht von der männlichen Macht verseuchte Sexualität, also eine Normierung von Sexualität betrieben. Queers kritisieren die essentialistischen, aufs bipolare System gemünzten Ansichten, à la "Männer beherrschen Frauen" (Andrea Dworkin). Die Ikonen der Sex Positivists, wie Annie Sprinkle, Susie Sexpert und Carol Queen, traten eher als Sex– Expertinnen auf, die einen unverkrampften Weg zu mehr sexuellem Vergnügen und Freiheit, und damit einer größeren Gleichberechtigung bereiten wollten. Nicht ohne eine implizite Kritik am Status Quo, der sich in den subversiven Rollen–Spielen der Sexperts zeigte: Carol Queens "Bend over Boyfriend" Videos zeigen Frauen, wie sie ihren Freund mit einem Strap–On anal befriedigen können. Für die PorNO Bewegung geht diese Kritik aber nicht weit genug. Sie sehen Pornografie als eine der Hauptstützen des Patriarchats, als eine Anleitung zur Gewalt gegen Frauen, gegen die härtere Maßnahmen ergriffen werden müssen als lustige Rollenspielchen, die weder die kulturellen noch die ökonomischen Machtasymmetrien verändern.

Eine Kritik der Pornoindustrie ist in jeder Hinsicht fällig – sie ist fast komplett männlich dominiert, was in jeder Industrie problematisch ist, und das wirkt sich auf die Bilder und die Produktionsbedingungen aus: die Hetero–Malestream–Pornographie zeigt vor allem ein männliches Wunschbild von Macht– und Geschlechterrollen, so Judith Butler, der männliche Blick als Kameraperspektive (der "Mann" existiert nur als Schwanz) und als Struktur des Settings (die "Frau" als zu stopfendes Loch) ist fast ungebrochen, Misogynie ist elementarer Teil eines weiten Spektrums des Mainstreampornos.

Und wie sieht es hinter den Kulissen aus? Bekommen Darsteller_innen Aidstests bezahlt? Werden sie zu Praktiken gezwungen? Sind die Lustschreie eigentlich Schmerzensschreie? Die Beantwortung dieser Fragen ist aufgrund des tabuisierten Status der Pornoindustrie und des Nebels von Mythen, die auch gerne in reißerischen arte–Dokumentationen aufgegriffen werden, schwierig. Die Kritik muss aber also an 2 Stellen stattfinden. Erstens: Wie wurde dieses Bild hergestellt, das ich sehe? Wurden Menschen bei der Produktion unfair behandelt? Und zweitens: Was für einen Diskurs produziert dieses Bild? Inwiefern ist es eine Reproduktion von patriarchalischen und heteronormativen Verhältnissen, inwiefern verhindert seine Dominanz das Entstehen eines nicht–"männlich–heterosexuellen"–Imaginären? Wo bleibt das "weiblich Imaginäre", hat Drucilla Cornell gefragt, gibt es überhaupt ein solches, unabhängiges vom "männlichen", und wie können wir es aufwecken und aktivieren?

Queere Theoretiker_innen und Praktizierende wünschen sich ja eine Eroberung der Pornoindustrie durch Frauen, Lesben, Transgender, Queers, welche die Erzeugung neuer Bilder, die zwar nicht frei von Macht(–spielen) sein müssen, aber keine bestehenden strukturellen Machtverhältnisse zementieren, vorantreiben können. Und so sehr das Internet und die damit verbundene Pornografisierung auch verteufelt wird, ist diese "Queer Utopia" mit ihm schon einen kräftigen Schritt in diese Richtung gegangen: es gibt immer mehr queere und feministische Internet Plattformen, Sex Shops, Pornoproduktionen und Diskussionen über Sexualität und ihre Darstellung. Als Frauen wahrgenommene Personen und andere zu Minderheiten gemachte Personen, wie Lesben, Transgender, Intersexuelle, Queers, Kings und Queens haben mit dem Internet die Möglichkeit, Pornografie mit einer wesentlich niedrigeren Hemmschwelle zu konsumieren. Wir müssen nicht mehr in den "Männer"-Porno-Laden um die Ecke und können uns mehr Variationen aussuchen, als dieser wohl jemals sehen wird.

Mittlerweile gibt es ja auch schon in Deutschland einen feministischen Porno–Film–Preis, der zum ersten Mal im Oktober 2009 in Berlin von Laura Mérrit in ihrem Laden Sexlusivitäten überreicht wird und den Namen "PorYES" trägt. In Berlin gibt es schon so manche Diskussion und viele Praxen über Sex-Positivism, Kritik an und gleichzeitig Subversion des Porno – meiner Meinung nach ist es Zeit, dass das auch im Rest von Deutschland in den queeren/ feministischen/ anarchistischen/ linken Räumen passiert.